Neuer Münchner Kunstverein

Was könnte ein Kunstverein leisten, vor fast 200 Jahren von Münchner Künstlern als Forum der Diskussion ins Leben gerufen, als Zentrum für hier und heute, interdisziplinär, lustvoll, unvernünftig (Adorno). Das Hauptinteresse unseres Künstlervereines gilt dem Gesamtkunstwerk Gesellschaft. Mit neuen Macht-Rechts-Strukturen welche schöpferisches, selbstbestimmtes Handeln, Mitgefühl und Zusammenarbeit fördern, Austausch und Transformation.

        Die zehn Gebote

  1. Du sollst sehen was Du kriegst. Alles ist käuflich, selbst hochklassige, frische, glücklich freilaufende Bilder, Güteklasse A (wie authentisch) zum Mitnahmepreis.
  2. Du sollst kriegen was Du willst. Hast Du den immer gleichen lebenslänglichen Kunstverein satt, mit setting, screening, crutchung, (selten biologisch abbaubar), leiste Dir den Neuen.
  3. Du sollst lustvoll Anteil haben am neuwertigen Künstlerverein mit der interaktiven Produktqualität…
  4. Du sollst dein inneres Ego ehren. Du brauchst nicht neues Auto, nicht neue Golfschläger. Du brauchst den Neuen Kunstverein.
  5. Du sollst Deiner ausgewachsenen Identität nagelneue, erregende Alter Egos geben.
  6. Du sollst foltern und verstümmeln, okay. Aber Totschlag ist streng verboten. (Oder logge dich beim alten Kunstverein ein).
  7. Du sollst lesen: Aus erotischer Handbibliothek unserer Schreibwerkstatt… statt aus juristischem Cyber – Entertainment.
  8. Du sollst Dein grenzenloses Glücksbuffet pflegen, die Kunst des erlesenen Rotweins… und interdisziplinärer Kunstküche.
  9. Du sollst die Phänomene, wie Pheromone, achten wie dich selbst. Kunst ist sexy. Biophysiker bestätigen: Kunst ist – messbar – gut für die Brut. (Patricia Lookwood, Essi Viding (London 2013). Das begehrte menschliche Weibchen will nicht den dicken Bankologen, sondern das dicke Bild überm Bett, besser: Den fantasievollen Künstler im Bett.
  10. Du sollst sein, was du kannst. Diktator der Kunst: Für die Inquisition der kosmischen Mystik in Demut (Dali). Dein Handicap ist streng vertraulich. Du bist Gott.

 

Widerspricht das Museum mit seinem Zwang, Dinge festzuhalten, dem Prinzip Kunst, nämlich Neues zu eröffnen? Welche finanziellen Grundlagen und wirtschaftlichen Hintergründe bestimmen Zugehörigkeit und Ausschluss im Referenzsystem? (siehe Margared Crawford: „The World in a Shopping Mall“, in: Variations in a Theme Park, N.Y. 1992; vgl. Joshua Decter: „Geschichten über Geschichte und Identität Eine Neukartierung“, in: Forum Intern. 16, 1993; siehe auch Willard v. Orman Quine: „Die Wurzeln der Referenz“, in „Inquiries into Truth and Interpretation“, Oxford 1984;  sowie Francisco Varela „A calculus for self-reference“, in International Journal of General Systems 2, 1975; auch Gerhard Roth „Die Entwicklung kognitiver Selbstreferenzialität im menschlichen Gehirn“, in D. Baecker: „Theorie als Passion“, Frankfurt/M. 1987). Ist das Museum Opfer der globalen Spektakelkonzerne mit ihren ausgrenzenden Referenzen, Markenzeichen, Codierungen, Machtstrukturen zwischen Sponsoren, Kuratoren, Beamten? (siehe Richard Sennett: „The Fall of the Public Man“, N.Y., 1974; „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“, Frankfurt/M. 1998; sowie Jean Baudrillard „For a Critique of the political Economy of the Sign“, Telos 1981; auch Frederic Jameson: „Postmodernism, or the Cultural Logic of late Capitalism“, Durham 1991) Der von Kevin Roche entworfene Sackler-Flügel des Metropolitan Museum of Art, N.Y., der luxuriös exklusive Dendurtempel aus Glas, Aluminium, Wasserfall und Großleinwänden kostet pro Abend 30.000 US-Dollar Miete, exclusive Kulinarias (siehe Douglas Davis: „The Museum Transformed: Design and Culture in the Post-Pompidou Age“, Abbeville 1990; sowie Henri Lefebvre: „The Production of Space“, Cambridge 1991). Das Museum (anstatt der Schule) der Ort des neuen Klassenkampfs? (siehe auch Jean Baudrillard: „Simulacra and Simulation“; bzw. Hal Foster: „Washington 1983“; sowie Robert Venturi, zitiert von Ellen Posner, in „The Museum as Bazaar“, Atlantic, 1988).

Der Kurator als Entertainer und Eventmanager bespielt im Metropolitan-Museumshop zweieinhalb Stockwerke und 3.810 m² Verkaufsfläche mit insgesamt 38 Filialen in New York City. (Siehe John Taylor: „The High Life at the Gilded Metropolitan Museum“, N.Y. 1989,;sowie Regina Maria Kellerman: „The Publication and Reproduction Program of the Metropolitan Museum of Art: A Brief History, N.Y.“, 1996). Die Museumskünstler in ästhetischer Isolationshaft wie in Stammheim: Bist drin, kommst nicht mehr raus… (siehe Niklas Delacroix: „Du Kurator – ich nix“, in „Bin nix-kan nix-hap nix“, ro-ro-rosenkohl, 1996; siehe auch Stefan Germer: „Unter Geiern. Kontext-Kunst“ im „Kontext Texte zur Kunst 19“, 1995 ). Müssen wir das Museum neu denken (siehe Hartmut von Hentig: „Die Schule neu denken“, Beltz 2003). Das Museum als Laboratorium? Hilft das € 1,5 Mio.-Medien- kunstprojekt Lab21 für die virtuelle Datenautobahnen z.B. München St. Augustin von Prof. Dr. Dr. Lydia Hartl, Kultreferentin München. Es geht also darum, Dissens hervorzurufen, und nicht in uns selbst beweihräuchernde Zombies zu verwandeln, sondern in „potentielle Opfer auf dem Altar… widersprüchlicher Erfahrungen“, meint Francesco Bonami, Senior Curator am Museum of Contemporary Art, Chicago, in: „Die Ökonomie der Aufmerksamkeit Kunst und radikales Denken im Zeitalter des strategischen Konsensus“ (Gioni/Subotnik, Parkett 69). „Andererseits beginnen die Leute, je älter, dicker und langsamer sie werden, allmählich einzusehen, dass wir uns gegenseitig beschützen oder doch wenigstens leben lassen sollten“, sagt Richard Armstrong, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, in „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. „Deshalb fordere ich dazu auf (…) die Fähigkeit zur Beurteilung wiederzubeleben (…) Wir müssen nach neuen Bewertungsmodellen suchen. Aktivitäten (…) identifizieren (…) anhand der Wirkungen“ meint Chris Dercon, Haus der Kunst, München, in Generali Foundation, Wien 1999, zitiert Kat. HdK. 2004. Fazit: Von der Repräsentation zur Aktion! Von der Interaktion zur Operation! (Siehe Niklas Delacroix: „Performanzengipfel“, ro-ro-rosenkohl, München 1998).

© Alle Fotos von Niklas Delacroix (Dali, Warhol, Richter, Zweite, Beuys, Botero, Achternbusch, Baselitz, Christo)